Aktiver-Urlaub / Völliges-Nichtstun

Windjammer-Reisen: Seefahrt von Hand gemacht


Die Ruhe eines Schiffes, das mehrere hundert Tonnen wiegt und nur durch die sanfte Kraft des Windes angetrieben wird. Es klackert im Gebälk, es pfeift und summt in Leinen und Drahtseilen (daher die Bezeichnung Windjammer). Der Bug schneidet mal zischend, mal klatschend, mal rauschend durchs Wasser. Riesige Segel an massiven Balken knarren, die Leinen zur Bedienung ächzen, irgendwo rutscht irgendwas von links nach rechts. Es herrscht eine besondere Ruhe auf einem Windjammer.


 

Nirgendwo sonst wird Natur so vielfältig, unberührt und ursprünglich erfahren - außer in den Bergen, aber der Hessische Lloyd spricht jene an, die die See lieben.  Das Erlebnis einer Windjammerreise ist einzigartig. Die Königsklasse wahrer Seefahrt.

Der Blick übers weite Meer, mal hinüber zu andern Schiffen, mal auf eine idyllische Landschaft in der dänischen Inselwelt, auf die Kreidefelsen von Mön, auf das sich am Horizont langsam vergrößernde Bornholm – aber auch der Blick auf die hohe See, auf der nichts ist als das eigene Schiff, gut ausgerüstet und sicher geführt von Leuten, die wissen, was sie tun.

 

fröhliche Menschen auf Schiff

 

Jedermann und jede Frau kann beim Hessischen Lloyd mitfahren. Es müssen Erwachsene sein – das Mindestalter ist 18 Jahre, nach oben gibt es keine Begrenzung. Wer allein in die Koje kommt (und auch wieder raus) ist willkommen. Der Altersrekord liegt derzeit bei 82 Jahren. Was kostet der Spaß? Wir rechnen grob mit um die 120 Euro pro Tag und Person mit Vollpension.

Schnell stellen sich die Reisenden auf den Rhythmus des Bordlebens ein. Schlafen auch am Tage in ihrer Koje in der dann sonst leeren Kabine unter Deck. Lümmeln sich an Deck, reden, lesen, schweigen, klettern, lassen sich was Seemännisches beibringen oder auch nicht, freuen sich aufs nächste Essen oder nehmen eine Dusche (Süßwasser), basteln irgendwas mit dem Maschinisten oder einer Bootsfrau. Polstern sich ein Plätzchen in der Takelage oder legen sich ins Klüvernetz, von wo sie dem Bug zuschauen, wie er gleichförmig rauschend das Meer durchschneidet - Ein Plätzchen, das von Deck aus kaum einsehbar ist, weil das Klüvernetz etwas tiefer hängt.

Wer gerade Wache hat, muss damit rechnen, dass sein Müssiggang jäh unterbrochen wird: Dem Kapitän fällt ein, dass es Zeit für ein Manöver ist. Irgendein Segel will verändert werden („trimmen“). Am Steuer ist Ablösung fällig.

 

 

Es ist ein durchaus erhabenes Gefühl, einen Windjammer von eigener Hand zu steuern. Das will gelernt sein. Es ist aber zu lernen. Gar nicht so schwer. „Ruder mitschiffs“ heißt nur, dass das Steuerblatt entlang der Schiffslinie ausgerichtet ist. Es heißt nicht, dass das Schiff geradeaus fährt. Da mag der Segeldruck vorn zu groß sein oder die Strömung in die falsche Richtung schieben. Und wenn sich ein Schiff erst mal dreht, dreht es gern auch weiter, auch wenn der Mensch am Steuer das gar nicht mehr will. Es fehlt dummerweise die Reibung von Reifen auf einer Straße. Da heißt es, mit Gefühl zu steuern und bei Zeiten gegenzusteuern, um die Schiffsbewegung abzufangen. Auch das Bremsen ist so ein Thema. Wenn dreihundert Tonnen erst mal in Schwung sind, ist es mühsam, sie aufzuhalten.

Der Hessische Lloyd veranstaltet Windjammerreisen, bei denen Seefahrt von Hand gemacht wird. Wer mitfährt, muss mit anfassen. Das hat mehr mit Sport als mit Arbeit zu tun – jeder, wie er kann. Es bleibt jedenfalls genug Zeit zum Ausruhen, Schlafen, Lesen, Plaudern, zum Alleinsein, für ernste Gespräche und näheres Kennenlernen. Viele finden es spannend, von Kapitän, Steuerleuten und Maschinist Geschichten aus der Welt der Seefahrt zu hören. Und die Berufsseeleute finden es interessant, sich mit den Mitreisenden über deren Leben und Tun zu unterhalten. Was nicht heißt, dass man von sich erzählen muss. Manch einer kommt an Bord, ist mit dabei und schätzt es, endlich mal nichts von zu Hause mitnehmen zu müssen.

Die Nacht senkt sich übers Schiff. Das Abendessen wird wohlig verdaut. In einer windabgewandten Ecke an Deck raucht der eine oder die andere. Wer Freiwache hat, trinkt ein Glas Rotwein. Positionslaternen sind angeschaltet, es wird dunkel. Dunkler als Landbewohner es sich vorstellen können. Auf hoher See ist die Nacht noch Nacht. Der Himmel reflektiert kein Irrlicht entfernter Städte. Es sei denn, wir sind im Sommer im Norden unterwegs. Verblüffend, dass schon ein paar hundert Kilometer Abstand zu Hessen genügen, um das Nordlicht wahrzunehmen: Es wird sehr spät dunkel und schon ganz früh wird es wieder hell. Die Dämmerungen dauern schier endlos, über Meer und Schiff  senkt sich Zwielicht.

 

 

Gesprochen wird bei Nachtwachen kaum – unter Deck wird geschlafen, die Wache schleicht über Deck, tauscht nur die nötigsten Worte. Hin und wieder kocht jemand Tee, holt Kaffee. In einer Ecke schlummert ein Mitglied der Wache, vorn steht ein Ausguck, eine steuert und jemand trägt die Verantwortung. Versonnen schweift der Blick in die Segel, nimmt das Ohr rhythmisches Platschen des Rumpfes im Wasser wahr. Eine Frau bestimmt die Position, was sie erst am Tag zuvor gelernt hat. Ein älterer Herr versucht aus beobachteten Lichtern herauszufinden, was da querab schwimmen mag. Es ist kalt des Nachts auf See, auch mitten im Hochsommer. Hin und wieder quakt leise ein zerhackter Anruf aus Funkkanal 16 – solange der eigene Schiffsname nicht vermutet wird und es kein Notruf ist, ist das egal. Wenn es schweres Wetter gibt, kommt eine heiße Suppe aus der Kombüse.

 

Mastenkram

Das Klischee ist schon schön: Sonne, Palmen, Baccardi, Kokosnüsse, Badekleidung, warmes Meer – Windjammern in der Südsee. Alles schön & gut, aber sehr mühsam zu erreichen. Was sind schon Karibik und Indischer Ozean gegen die dänische Inselwelt? Fahrten durch Sunde entlang von Weiden, Schären mit Seehunden, traumhaften Reedersvillen und hübschen Ferienhäusern – nur hie und da unterbrochen von praktischen Windparks. Pitoreske Häfen. Aber auch die navigatorischen Hürden. Sie erfordern regelmäßige Manöver, weil man sonst an eine Insel rumst. Und dann wieder richtig hohe See.

 

Schwimmern mit Ring

Schwimmen am Morgen vom Ankerplatz aus oder mittags auf See, wenn das Manöver „Beidrehen“ das Schiff unter Segeln zum Stillstand gebracht hat. Zur Sicherheit ist das Beiboot zu Wasser gebracht; ein Bootsmann beobachtet von dort die Schwimmer. Ohnehin hängen ein Rettungsring und ein gesondertes Tau in der Strömung. Ein sehr guter Schwimmer ist stets mit draußen – da geht niemand verloren. Im September ist die Ostsee schön warm. Es ist ein einzigartiges Badevergnügen: Unten das friedliche Meer, links, rechts, vorn und hinten nichts als Meer – und ein Windjammer wie aus dem Piratenfilm entsprungen. Und keine Haie.

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Die Einfahrt in Häfen, wo Kapitän und Steuerleute des Hessischen Lloyd, in aller Ruhe rückwärts in einer kleinen Lücke einparken. Alles guckt, die benachbarten Yachtsegler wundern sich und schon ist der Windjammer ohne Gebrüll und Kratzer fachgerecht festgeknotet. Auf geht’s, eine skandinavische Stadt mit einzigartiger Architektur, gutem Eis, guter Lakritze und prächtigem Elefanten- Bier zu erkunden, derweil der Koch frischen Fisch, Obst und Gemüse und der Reiseleiter Brötchen und Kaffeestückchen holt.

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Rackern und Ruhen - und wer mag: Yoga